Maerissas Befreiung – Teil drei

Veröffentlicht am 10. März 2016 von Claudia in Lorakische Geschichten

Der Boden bebte. Mühsam schoben sich die Korsaren durch den instabilen Gang des Zellentraktes.

„Der Zauber hätte längst aufhören sollen, ich hatte etwas anderes geplant“, murmelte Adawae. Zu ihrer Linken sprangen plötzlich mehrere der Zellentüren aus den Angeln, verbogen sich wie unter gewaltigem Druck und krachten dann samt der Zellen dahinter in sich zusammen. Mit Rauch geschwängerte Meeresluft drang in den Gang. Direkt neben ihnen ging es steil hinab in die Fluten der aufgewühlten Ewigen See. Nur für einen kurzen Moment hörten sie noch die Schreie von einigen hinabstürzenden Gefangenen. Zitternd presste sich Simin an die rechte Seite des Ganges, krallte sich an Atiel fest, als ein weiterer Ruck durch den Boden ging und von oben herab weitere Teile der Festung herabstürzten, begleitet von magischem Knistern und ausbrechenden Explosionen.

„Wehe, Maerissa lebt nicht mehr“, brachte Simin hervor. Sie wollte die andere Kapitänin zwar retten, aber für sie draufgehen, war überhaupt nicht geplant, und gerade sah es mehr und mehr danach aus.

„Ihre Zellentüre sieht noch stabil aus“, rief Vizaria.

„Toll, alles andere fliegt uns hier um die Ohren, aber die dumme…“, fing Simin an, als direkt vor ihr eine Zellentüre aus ihren Angeln gestoßen wurde. Die Kapitänin schrie auf, brachte sich mit einem Satz nach hinten gerade noch in Sicherheit, bevor die Tür über die Kante in die Tiefe fiel. Der stattlichste Varg, den Simin jemals gesehen hatte, trat aus eben jener Zelle, sichtlich stolz darauf, der Gefangenschaft entkommen zu sein.

„Haha, endlich frei und- ahhh!“ Sobald der bildschöne Korsar den Abgrund direkt vor sich sah, rettete er sich rasch wieder in die Zelle hinein. Der Rest folgte ihm hastig, als auch noch der letzte Teil des Ganges in sich zusammen brach.

„Die Magie spinnt immer mehr. Wobei ich normalerweise nichts gegen knackige Männer hab“, setzte Simin an.

„Kapitän Frandal“, stellte der Varg sich vor und lächelte ein perfektes, strahlendes Lächeln. „Ich bin hier um Maerissa zu retten!“ Hinter ihm seufzte Adawae leise.

„Hat ja gut geklappt“, bemerkte Vizaria sarkastisch.

„Wir haben dringendere Probleme“, erinnerte Adawae sie und deutete zu Maerissas Zelle. Ein klaffender Abgrund trennte sie von der eisernen Zellentüre.

„Und die Tür ist auch immer noch verschlossen“, sagte Issana. Vizaria hielt daraufhin einen Schlüsselbund empor, grinste leicht.

„Patalier sind sehr langsam“, erklärte sie. Simin griff nach dem Schlüsselbund.

„Wehe, die lebt nicht mehr“, stieß sie aus. Dann blickte sie zu Dragao. „Hilf mir nach drüben.“ Der große Varg stützte sie, als Simin vorsichtig versuchte, am Rand der Wände hinüber zur Zellentüre zu gelangen. Bloß ein winziger Vorsprung, nicht mehr als ein kleiner Halt für ihre Zehenspitzen, befand sich vor der Türe.

„Hier sind viel zu viele Schlüssel an diesem verdammten Schlüsselbund!“, fluchte die Kapitänin, als sie einen Schlüssel nach dem anderen ausprobierte. Unter ihr bröckelte langsam auch noch der Rest des Vorsprunges.

„Pass auf!“, rief Issana noch, als Simin bereits spürte, wie sie den Halt verlor. Nicht ganz. Ihre Hand umklammerte noch den Schlüssel im Schloss. Mit einem letzten Klacken schwang die Türe nach außen auf, ließ Simin mehrere Meter hoch über dem Abgrund strampeln.

„Maerissa!“, kreischte sie panisch. Eine Hand streckte sich nach ihr aus. Eine abgezehrte, aber wahrhaft lebendige Maerissa kniete am Rand der Zelle und half Simin wieder nach oben.

„Seid ihr wahnsinnig? Wollt ihr mich umbringen?!“, fragte sie entsetzt, als sie das Chaos um sich herum sah. Simin schob sich mit Maerissas Hilfe über die Kante in ihre Zelle.

„Unser Plan hat sich etwas verselbständigt“, erklärte die Pashtarin, während sie noch versuchte, sich zu beruhigen.

„Aber wir sind gekommen, um dich zu retten“, sagte Issana.

„Indem ihr halb Markeh in den Abgrund reißt?!“, rief Maerissa und blickte auf die den Festungsturm gegenüber, an dem gerade ein Teil der oberen Stockwerke zerbarst und ebenfalls nach unten stürzte.

„Die Patalier hatten mehr Zauberkundige als gedacht. Das magische Feld ist geschwächt.“, rief Adawae von der anderen Zelle hinüber.

„Gefällt‘s euch dort unten oder braucht ihr Hilfe?“, hörte man plötzlich schwach Jaakals Stimme von oben. Das Ende eines Seils schob sich zwischen den Bruchstücken der Decke hindurch.

„Nein, nein, hilf uns bloß nach oben. Und bei der nächsten Befreiungsaktion bleib ich zuhause!“, rief Simin, während sie nach dem Seil griff. „Es sei denn, wir können wieder so jemanden retten wie Frandal.“

 

****

 

Die Kämpfe hatten sich vor längerer Zeit in die unteren Ebenen der Festung verlagert, und aus dem Inneren ertönte seit mehreren Minuten Kampfeslärm. Von außen war nicht abzusehen, was genau hinter den letzten Mauern vor sich ging, doch irgendetwas war nicht richtig. Es hatte damit angefangen, dass die Pflanzen an der Außenseite der Burg zu verrotten begannen. Mittlerweile quoll grauer, beißend schmeckender Nebel zwischen den Gitterstäben der Festung hervor und hüllte alles ein. In die Kampfschreie hatten sich angsterfüllte Ausrufe gemischt. Von der Rückseite der Festung drangen gelegentlich Schreie ängstlicher Wachen herüber, die sich in eiliger Flucht teils gegenseitig von der Brücke stießen. Im Nebel jedoch umschiffte eine kleine Gruppe von Booten die letzten Flammen des Seefeuers, doch die meisten Blicke ruhten besorgt auf der Festung, und die Seeleute hoben die Hände zu Schutzgesten.

„Denkt daran, kein einziger Zauber von eurer Seite. Macht es nicht noch schlimmer.“, drohte der Kapitän.

Während die Männer sich umsahen, glomm der Nebel an einigen Stellen in weißlich leuchtenden Punkten auf, während die Welt die letzten farbigen Momente verlor. Binnen Augenblicken wuchsen die Lichtpunkte zu seltsam entfärbten Flammenkugeln von der Größe eines Kinderkopfes heran. Einige wenige von ihnen begannen, sich zu bewegen, und schwebten geisterhaft über die Szenerie. Das Ausbleiben des Rückflusses der magischen Energien drohte zu einer Katastrophe zu werden. Die Angstschreie in der Festung wichen schmerzerfülltem und wütendem Brüllen und selbst der Waffenlärm schwieg für einen Augenblick, der sich in die Ewigkeit dehnte. Die gestandenen Seemänner sahen mit Unglauben zur Festung, als Omiir Falkenseele sich mit einer Maira in der Hand erhob:

„Der erste Zauberer verliert die Hand, egal wessen Mannschaft er angehört. Reißt euch zusammen, ihr feigen Hunde. Gleich haben wir Maerissa!“

Das zustimmende Gebrüll wurde jäh von einschlagenden weiß leuchtenden Geschossen unterbrochen. Schützen hatten sich am oberen Rand der umgebenden Klippen versammelt und schienen dort weitere Brandgeschosse vorzubereiten. Einige der Seemänner sprangen ins Wasser, andere hoben die Hände zu Zaubergesten.

„Niemand zaubert, bevor Maer-…“

Teile der Festungsmauer stürzten plötzlich herab, während die dortigen Gefangenen aus ihren Zellen geschleudert wurden. Seeleute folgten ihnen eilig und behände über die Reste der einstigen Mauer nach unten. Es half alles nichts, über einige der Flüchtenden legte sich das weißliche Feuer, andere wurden von grotesken Tierschatten gejagt. Nach und nach stürzten sie alle zu Boden. Binnen weniger Augenblicke schien das vormalige Schlachtfeld wie ausgestorben.

Ein Aufstöhnen der Felsen, dem ein kurzer Ruck folgte, zog die Blicke der meisten in Richtung der Grundmauern der Festung, während sonderbar gleißende Linien die in der Luft stehenden Feuerbälle zu verbinden begannen. Die Erschütterung hatte einige der Schützen heruntergerissen und die übrigen hatten sich freiwillig von der Szenerie entfernt. Derweil drückten sich allerorten Seeleute an den Seiten der wenigen Boote hinauf, um einen begehrten Platz aus diesem Schlund des Verderbens zu ergattern.

„Wir haben Maerissa!“

Die Stimme von Kapitänin Adawae durchbrach das Durcheinander und gab den Ruderern das Signal zum Aufbruch, während vielstimmiger Jubel die Anwesenden für einen Augenblick von ihrer Situation losriss.

Boote und Schwimmer verließen die Bucht gleichermaßen, doch die wenigsten kamen umhin noch einmal zurück zu sehen und oft hörte man: „Davon wird man noch in Jahrzehnten sprechen …“

*

von Avalia, Candacis, DrGonzo und Irian

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