Die Katarakte von Gondalis

Mittlerweile war sie in der Unterstadt angekommen und eilte durch die schmalen Gassen des Talaberischen Viertels. Ihr Ziel war der Hafen, um dort ein Schiff ausfindig zu machen, mit dem sie die Mertalische Halbinsel verlassen könnte. Sie hatte gerade den Schauerpfad erreicht, als ein Armbrustbolzen knapp an ihrer Schulter vorbeizischte. Blitzartig orientierte Keira sich: der Schütze musste wohl hinter dem Kistenstapel neben der Fleischerei lauern.

Ohne zu zögern sprintete Keira in Richtung ihres Angreifers, schlug dabei Haken und überbrückte die letzten Meter mit einer Hechtrolle. Der Schütze hatte einen dummen Anfängerfehler begangen: Wenn man im Gewirr der gondalischen Unterstadt einen Gegner mit der Armbrust angriff, musste man entweder mit dem ersten Schuss treffen oder in einer so sicheren Position sein, dass man genug Zeit zum Nachladen hatte. Beides war hier nicht der Fall!

In einer fließenden Bewegung hatte sie beim auf die Füße Kommen die Skavona gezogen und setzte nun auf den vermummten Armbrustschützen zu. Diesem war es zwar gerade gelungen, den zweiten Bolzen aufzulegen, doch noch bevor er die Waffe wieder in Anschlag bringen konnte, hatte Keira diese auch schon mit dem schweren Dornenhandschuh an ihrer Linken zur Seite gefegt.

„Dumm, langsam, ungeschickt! Habt ihr wirklich geglaubt so könntet ihr einen Protector erledigen?“ Bei diesen Worten hatte sie dem nun Unbewaffneten die Spitze der Skavona an die Kehle gesetzt. Er blieb stumm, doch eigentlich erwartete sie auch keine Antwort.

„Wer hat Euch geschickt? Die Dalmarier? Die Rothände? Oder war es der feine Rivenos? Sprich!“
Keira gab nun leichten Druck auf ihre Klinge, so dass der Stahl die Kehle ihres Gegenübers ritzte, doch dieser sagte noch immer kein Wort.

Dafür hatte er plötzlich einen kleinen Wurfdolch in der der Hand, den er auf sie schleuderte. Dummkopf! Die kleine Waffe konnte aus dieser Position nicht einmal ihr ledernes Mieder durchdringen und hatte sie nur kurz zurückzucken lassen. Lange genug, um ihrem Gegner die Möglichkeit zu geben, ein gekrümmtes Kurzschwert zu ziehen. Verdammt, nun musste sie es auf die harte Tour zu Ende bringen.

Keira täuschte einen Stoß zur linken Seite ihres Kontrahenten an und als dieser den Angriff parieren wollte, griff sie seine Klinge mit ihrem Dornenhandschuh. Seine Waffe dergestalt gebunden hatte er keine Möglichkeit den Stich auf seine Brust abzufangen.

In wenigen Augenblicken war der Kampf vorbeigewesen und Keiras Gegner lag in seinem Blut. Als sie ihm die Kapuze abzog, sah sie, dass ihr Angreifer ein junger Farukani war. Sie kannte ihn nicht. Möglicherweise war es ja einfach nur ein Straßenräuber, der in ihr ein leichtes Ziel gesehen hatte; oder aber er war tatsächlich von einer der Banden angeheuert worden, um eine offene Rechnung mit ihr zu begleichen.

Und offene Rechnungen gab es einige: Sie hatte Gradonios nicht nur als Leibwächterin gedient, sondern säumigen Schuldnern eine Lektion erteilt oder an Stelle des Patrons Duelle gegen Herausforderer ausgefochten. Nicht selten hatte sie durch kleine Tricksereien, die man nicht eben ehrenhaft nennen konnte, gewonnen und scheinbar überlegene Gegner vor ihre Götter befördert. Keira hatte sich auf diese Weise eine ganze Reihe von Feinden gemacht – auch aus diesem Grund war es wohl besser, die Stadt zu verlassen, jetzt wo ihr Patron nicht mehr seine Hand über sie halten konnte.

Endlich war sie im Rachen angekommen. In dieser gigantischen Kaverne hinter dem größten der zahlreichen Wasserfälle von Gondalis erstreckte sich das Hafenviertel. Ein steter Sprühnebel lag über den Häusern, die sich zwischen den Felswänden und dem natürlichen Hafenbecken der Höhle auf einem wenige Dutzend Schritt breiten Felsensims drängten.

Schnell hatte sie ein Schiff ausgemacht, das am nächsten Morgen in Richtung Arwinger Mark ablegen würde. Der Kapitän hatte ihr nach kurzer Verhandlung eine Passage zugesagt – und, nachdem sie noch ein paar Münzen draufgelegt hatte, ihr einen Eid geschworen, zu niemandem ein Wort darüber zu verlieren.

Die wenigen Stunden bis zum Morgengrauen wollte Keira in einem Versteck verbringen, das sie für solche Eventualitäten eingerichtet hatte. Es lag im Keller einer Segelschneiderei, die der alten Witwe Maniuz gehörte. Irgendwie hatte die Alte sie ins Herz geschlossen, denn die paar Münzen, die Keira ihr ab und zu für den Unterschlupf zahlte, waren wohl nicht der Grund, warum sie stets warmherzig bewirtet wurde und ausführlich Auskunft über ihr Liebesleben geben musste, wenn sie hier einmal nach dem Rechten sah. Für die Witwe war sie wohl so etwas wie eine Tochter, die Maniuz nie gehabt hatte.
Keira wollte einen tränenreichen Abschied vermeiden, daher ging sie direkt in den Keller und packte dort einige Vorräte zusammen. Dann schrieb sie der Witwe Maniuz ein paar Zeilen, in denen sie ihr wortloses Verschwinden erklärte. Vermutlich würden die Nachmittage in der Segelschneiderei das einzige sein, was Keira vermissen würde, wenn sie Gondalis hinter sich gelassen hätte.

In den letzten Monaten hatte sich die Situation nicht zum Guten verändert: im Zuge der Thronfolgekriege in Dalmarien waren viele Flüchtlinge nach Gondalis gekommen und unter diesen waren auch einige Halsabschneider und Schlagetots, die bald angefangen hatten, den Rothänden ihre Domänen streitig zu machen. Die Dalmarier waren immer aggressiver vorgegangen und es war zu einem beinahe offenen Bandenkrieg in den Vierteln der Unterstadt gekommen.

Zuletzt schien Gradonios dann dennoch die Oberhand zu behalten, doch er musste dazu zu drastischen Maßnahmen greifen: Er hatte als Warnung einige der ärmlichen Hütten der dalmarischen Flüchtlinge niederbrennen lassen, während die dort hausenden Familien schliefen, und eine ganze Horde Flüchtlingskinder ‚großzügig‘ als Hilfsarbeiter in seine Nähereien geholt – verschleppt und als Geisel genommen wäre wohl der besser Ausdruck.

Keira war in den Diensten von Gradonios schon an einigen dunklen Machenschaften beteiligt gewesen, aber das waren Methoden, die sie anwiderten. So bedauerte sie es nur wenig, die Stadt ein für alle Mal zu verlassen, wenn sie hier mit heiler Haut herauskäme.

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