Rosthaupts Begräbnis – Teil eins

Veröffentlicht am 24. März 2016 von Claudia in Lorakische Geschichten

Es war ein schöner Sommertag. Die Sonne schien brütend heiß und wärmte die Federn der glücklich kreischenden Möwen auf, die sich auf die Essensreste der anstehenden Feier freuten. Nicht dass sie sonst wenig zu essen bekamen, denn hinter den Drei Münzen gab es immer genug Abfall zum Verzehren. Aber heute schienen sie viel Konkurrenz zu haben. Halb Lavador hatte sich am ‘Essensrevier’ der Möwen eingefunden. Im Hinterhof der Drei Münzen lauschten die versammelten Kapitän Yamaus Worten, der den verstorbenen Kapitän Rosthaupt lobpreiste. Rosthaupt, der unausgesprochene Herr Lavadors, der skrupellose Halsabschneider und listige Kapitänsrat, war von ihnen gegangen. Ein Mann, der nur wenigen ein Freund und vielen ein Scheusal war. Nur eine Handvoll behielt den despotischen Kerl in guter Erinnerung. Den Möwen war das alles schnuppe.

„Geschätzte Kapitäne und Kapitäninnen, ehrwürdige Ratsmitglieder, mutige Korsaren der Suderinseln und treue Lavadoraner. Wir haben uns heute hier versammelt, um unseren geliebten Kapitän Rosthaupt die letzte Ehre zu erweisen. Einem Mann, der Lavador aufgebaut hat. Einem Mann, der Lavador seit Jahrzehnten zusammengehalten hat. Einem Mann, der Lavador mit geschwellter Brust vor jedweder Gefahr geschützt hat. Daher freut es mich besonders, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um Lavadors Vater zu verabschieden. Mein Dank geht an erster Stelle an Rosthaupts Familie, die uns diese beschauliche Feier ermöglicht hat.“ Yamau schaute auf Maerissa und dann weiter zu Rosthaupts Bruder Kolcha, die Geißel, und dessen Sohn Jaakal.

„Fürderhin an die ehrenwerten Mitglieder des Kapitänsrates von Navir, die uns hier in Lavador beehren, um ihren Ratsbruder zu Wasser zu tragen.“ Die Blicke huschten über die ernsten Gesichter der Ratskapitäne. Farshid Einauge, Shu Wusong und die anderen ‚Erhabenen‘ verharrten wie steile Küstenklippen und zuckten keine Miene. Einzig Kolcha zeigte seinen Schmerz ob des Verlusts seines Bruders und ließ für ihn ganz und gar unüblich seinen Tränen freien Lauf.

„An Kapitän Djavar, der als langjähriger Freund Rosthaupts uns die Drei Münzen und reichlich Essen zur Verfügung gestellt hat.“

Djavar winkte vorgeblich bescheiden ab und stützte sich leicht auf seinen geschnitzten Gehstock.

„An die erlauchte Melina Sezienna für die sakrale Beisetzung und die fremdländischen Speisen. An Kapitänin Zahida für die Bereitstellung der Barke. Kapitän Torbin ‚Sturmhand‘ Wandran für den reichlichen Alkohol und insbesondere für die Beschaffung des von Rosthaupt so geliebten Termarker Honigschnapses. An Zalgor Bracken, der eine Feier organisiert hat, die Rosthaupt gerecht wird. Und nicht zu vergessen an den tapferen Mutambwe, der unter dem Einsatz seines Lebens Rosthaupts Leichnam aus den Fluten gerettet hat, damit wir uns gebührend von ihm verabschieden können.“

Mutambwe war den Tränen nah, aber beherrschte sich wie gewohnt. Er hatte schon angefangen, seinen Kummer wegzutrinken, wie es an der halbleeren Honigschnapsflasche in seiner Hand zu erkennen war. All die bewundernden Blicke der versammelten Ehrbaren gingen ihm am Arsch vorbei, selbst Asjans anerkennendes Schulterklopfen bemerkte er nicht.

Indessen hatte Yamau sich zu Rosthaupts aufgebahrten Körper gestellt. „Ich kannte Rosthaupt schon mein halbes Leben lang.“, begann er wieder zu sprechen. „Als Asjan und ich vor 25 Jahren hier ankamen, nahm er uns unter seine Fittiche. Ich werde nie unsere erste Begegnung vergessen. Er hatte sich vor mich hingestellt und gesagt, ich solle meine Augen schließen. Ich hatte natürlich große Achtung vor dem gefürchteten Rosthaupt. Also tat ich wie geheißen. Kurz darauf schrie ich laut auf und öffnete unter Schmerzen verwirrt die Augen. Er hatte mir mit einem Fausthieb die Nase gebrochen und grinste mich mit seinem Haifischlächeln an.“

Die Menge lachte auf.

„So trieb er mir die Illusion vom blinden Vertrauen aus. Und anscheinend nicht nur mir, wenn ich mir all die schiefen Nasen hier ansehe!“

Yamau schloss sich dem lauter werdenden Gelächter an und fuhr Augenblicke später schwermütig weiter: „Rosthaupt war nicht nur ein liebevoller Vater und ein begnadeter Kapitän, sondern auch ein treuer Freund. Mit ihm trage ich heute auch ein Stück meiner Seele zu Grabe. Sein Tod lässt eine Leere in unseren Herzen zurück, dessen Ränder noch lange bluten werden. Ich werde ihn sehr vermissen.“ Yamau hielt inne und wischte sich eine Träne weg. Selbst eine der Möwen schien dies zu dick aufgetragen, sodass sie laut kreischend protestierte. „Aber wie sagte Suluman der Weise nochmal: ‘Auch das geht vorüber!’ Ja, das tut es! Gemeinsam werden wir auch diesen schmerzvollen Verlust überstehen und Lavador erneut zu neuem Glanz verhelfen. Hat Rosthaupt uns etwa nicht selbst über den Tod hinaus vereint und zu Maerissas Rettung herbeieilen lassen? Beweist es nicht, wie stark wir sind, wenn wir zusammenhalten?“

Er sah sich beschwörend um und drehte sich dann abrupt zu Rosthaupts Leiche. „Lebwohl, mein Freund!“, klang seine belegte Stimme. „Möge deine stürmische Seele den lang ersehnten Frieden in Shar Anars ewigen Armen finden.“ Yamau holte eine Flasche Honigschnaps raus und goss sie über Rosthaupts Leiche aus, bevor er seufzend bei Seite trat und Rosthaupts Familie mitfühlend zunickte.

***

Kolcha trat mit seinem Sohn Jaakal und seiner Nichte Maerissa an den Sarg. Noch immer liefen Tränen über das Gesicht des alternden Herren. Er blickte auf den Leichnam und dachte bei jeder Narbe in Rosthaupts Gesicht an die Geschichte zu Selbiger. Ja, sein Bruder war von einem ganz anderen Schlag gewesen als er. Wo Kolcha kalkulierte, da handelte Rosthaupt und trug die damit verbundenen Konsequenzen. Wie hatten sie sich damals in den Haaren gelegen, als Kolcha sich zur Ruhe gesetzt hatte. Und Rosthaupt hatte wie immer Recht behalten, er war fett und träge geworden. Sein Sohn hatte viel von seinem Onkel, gestand er sich ein, als er mit betrübter Miene ein stilles Gebet sprach. Gemessen an dem, was der alte Seebär in seinem Leben gewagt hatte, war es nahezu unglaublich, dass er sich durch etwas so Banales wie den Tod besiegen ließ. Was hieß dies nur für die anderen, die immer in Rosthaupts Schatten gestanden hatten? Was würde von ihnen am Ende übrig bleiben?

***

Jaakal fühlte sich neben seinem Vater unwohl, wagte es aber nicht, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Nachdem er es nicht geschafft hatte, die vollmundig versprochenen Getränke für das Begräbnis zu organisieren, war es besser, etwas im Hintergrund zu verschwinden. Sein Vater hatte eines seiner Schiffe genutzt und war aus Navir aufgebrochen, um der Beerdigung beizuwohnen. Zu Jaakals Verwunderung hatte sich Kolcha bedeckt gehalten und nur ein paar Worte mit Maerissa gewechselt. Kurz nach der Ankunft hatte er zwar auch noch mit Rorykh und Jaakal die Befreiungsaktion besprochen, danach aber fast wie unter einem erst jetzt einsetzenden Schock die Tatsache akzeptiert, dass „Onkel Rosthaupt“ von ihnen gegangen war und all sein politisches Kalkül vergessen.

Jaakal blickte auf seinen toten Onkel. Der Schrecken seiner Kindheit lag reglos vor ihm.

Bislang war unklar, woran Rosthaupt gestorben war. Das Alter, sagten einige. Jaakal zweifelte sehr an dieser Version. Ein Unwetter oder eine Klinge waren weitaus wahrscheinlicher. Viele seiner Feinde, da war Jakaal sich sicher, standen gerade unter den Gästen. Das wird hier einer der letzten ruhigen Abende werden, dachte er bei sich. Sobald Onkelchen bestattet ist, gehen wir uns an die Kehle. Er selbst hatte wenig Trauer in sich. Seinem Vater ging die Sache sehr zu Herzen, aber Jaakal sah in ihr eher eine Familienverpflichtung. Rosthaupt – und hier musste er Kaptänin Simin Recht geben – war ein Drecksack, und das war noch milde ausgedrückt.

Aber er hinterließ eine Lücke im Machtgefüge der Suderinseln, die die Schädelkorsaren ins Chaos stürzen oder einem geschickten Kapitän ungeahnte Chancen bieten könnte.

Mühsam unterdrückte Jaakal den Anflug eines Lächelns.

***

Von Christian, DrGonzo, Irian, Jeong Jeong, Nel, timesink, asquartipapetel

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