Rosthaupts Begräbnis – Teil drei

Veröffentlicht am 7. April 2016 von Claudia in Lorakische Geschichten

Kapitän Yamau ließ unauffällig seinen Blick wandern. Es war offensichtlich: Rosthaupt war weg und das Lauern hatte begonnen. Wie giftige Skorpione hatten alle Kapitäne ihre unsichtbaren Stacheln hochgehoben und warteten auf die passende Gelegenheit, zuzustechen. Zahida hatte sich wortlos davon gemacht und heckte sicher ihre nächste Intrige aus, Torbin machte eine undurchdringlich kalte Miene und selbst Jaakal ließ sich nichts anmerken. Nur Kolcha schien ehrlich traurig über den Tod seines kleinen Bruders zu sein. Er hatte den Arm um seine Nichte Maerissa gelegt und schwelgte gemeinsam mit dem treuen Mutambwe in Erinnerungen. Yamau schluckte unwillkürlich.

Um sie herum verbreitete sich langsam lockere Feststimmung. Die Huren schwärmten zielsicher aus und umgarnten die reichen Ratskapitäne. Hier und da posaunten bezahlte Klatschmäuler lautstark die ‘unglaubliche’ Befreiungsgeschichte Maerissas aus. Man sprach von berstenden Festungen und im Meer versinkenden Inseln. Yamau nutzte die Gelegenheit und gab ein Handzeichen. Ein Knall kam von der provisorisch aufgestellten Holzbühne und zog die Aufmerksamkeit eines jeden auf sich. Hinter türkisblauem Rauch erschien ein Schausteller mit rostrot wallender Mähne und imposantem Bart, der Rosthaupt wie aus dem Gesicht geschnitten war.

„Obacht, Obacht, oh lieblich’ Lavador,“, erklang seine magisch verstärkte Stimme.

„die mit Rosthaupt einen Vater verlor!

Nun weinst du und blickst traurig wie das Seekalb im Meer,

aber schmollen macht Falten, das mögen wir nicht sehr.

Doch wer war dieser Pfundskerl, was zum Sekal hat er getan?

Hier seht ihr die Wahrheit, kein billig Seemannsgarn!

Kapitän Yamau, der Rosthaupt so freundlich hold,

holte uns aus Treibgut, und zahlte uns Gold!

Kennt ihr die Kerker von Termark, der Prinzessinnen Gunst,

Rosthaupts Streich in Sunnafest und des wilden Kraken Brunst?

Wer erzählt euch die Mär von Gondalis, die Legende vom Atoll Vhagatta?

Na wir, die ‘Pikierten Plankensyphilanten aus Zwickschaum bei Grabschwasser!’“

Die Menge jubelte, als die beliebte Schaustellertruppe aus Treibgut ihr Stück aufführte. Es begann mit dem jungen Rosthaupt, der seinen ersten Maat Mutambwe aus der Sklaverei auf einer patalischen Galeere befreite. Es folgte sein Schelmenstück in Aylantha, die halsbrecherische Krakenjagd, der Bräutigamraub von Sunnafest, die heldenhafte Umschiffung des Vhagatta Atolls und die Jagd nach einem reichen Magnaten in den Bordellen von Gondalis. Zwischendurch gespickt mit unzähligen amourösen Abstechern, wie etwa der Befreiung der Termarker Prinzessin aus den Kerkern eines Magiers:

„Schwing deinen Säbel, oh Rosthaupt, mein strahlendes Himmelsgestirn,

Und brich meine ehernen Ketten. Ich will mit dir gehen.“

„Wie wunderschön Ihr seid Prinzessin, doch leider matschig im Hirn.

Das ist doch kein Säbel, ich freue mich nur Euch zu sehen!“

Irgendwie schienen alle im Stück befreiten Jungfrauen einen Hang dafür zu haben, sich die Kleider vom Leib zu reißen und über ihren ‘Retter’ herzufallen, was beim johlenden Publikum ganz gut ankam. Auch das Ende sollte keine Ausnahme bilden: Zwischen magisch erzeugten Wellen erhob sich auf der Bühne Rosthaupt siegessicher von seiner brennenden Barke und sprang ins Meer. Dort wartete die barbusige Shar Anar auf ihren Helden und schloss ihn in ihre feuchten Arme. Rosthaupt drehte sich zum Publikum und verkündete süffisant: „Welch eine Prise! Welch eine Prise!“ Er zwinkerte ein letztes Mal und zeigte ein dreckiges Haifischgrinsen, bevor er in Mutter Shar Anars Schoß abtauchte.

Die Gäste grölten, pfiffen und schrien Beifall. Viele drehten sich zu Kapitän Yamau um und nickten anerkennend, während er bescheiden zurück lächelte. Er war zufrieden, die Witzfiguren waren ihr Geld also doch wert.

***

Jannis war unzufrieden. Die anderen Kapitäne schienen sich alle so herrschaftlich zu amüsieren: Melina, die ihren Schatten in Rosthaupts toten Körper fahren ließ – eine zu gleichen Teilen beeindruckende, wie auch dumme Idee wie er fand – Zahida, die den alten Zausel sogar anzünden durfte (er wusste doch, dass eine Leiche kein sicherer Ort für einen Schatten ist) und nun suhlte sich Yamau auch noch in der Anerkennung, die diese Schauspieltruppe ihm einbrachte. Und das, ohne dass er selbst etwas dafür getan hätte! Und was war mit ihm selbst? Ihn beachtete  mal wieder niemand. Ja, auch er hätte sein Gold für ihn arbeiten lassen können, er könnte nun dort stehen und die Dankbarkeit aller mit einer bescheidenen Geste abtuen. Aber nein, er, der große Jannis Knarzkahn, stand dort allein und schmollte vor sich hin. Das durfte nicht so bleiben. Behände sprang er auf das nächstbeste Fass und fing an zu rufen:

„Harr, ihr Landratten, hört her! Auch ich habe …“

„Ach, halt’s Maul Knarzzahn!“, sagte ein Matrose aus der Gruppe der Wenigen, die in seiner Hörreichweite standen. „Dein Gelaber kann doch keiner aushalten.“, fügte er hinzu, was ihm das zustimmende Gelächter seiner Kameraden einbrachte.

Jannis‘ Augen verengten sich zu dünnen Schlitzen. „Es heißt Knarzkahn. Was für ein bescheuerter Name wäre denn bitte Knarzzahn.“ „Das ist mir doch egal…“, raunte der Matrose nur zurück. „Oh, komm nur her, ich zeige dir, wie egal das ist!“, erwiderte Jannis, sprang vom Fass und stürzte sich auf den scheinbar immer größer werdenden Matrosen…

Als Jannis so im Dreck lag, überdachte er seine Lage: Sich mit Jogur Stahlfaust auf eine Prügelei einzulassen, war im Nachhinein betrachtet wohl nicht die beste seiner Ideen an diesem Tag gewesen. Dabei musste er an Rosthaupt denken. In keiner der Geschichten lag er im Dreck, geschlagen von einem Matrosen, unbeachtet von der Masse. Stets ging er siegreich aus seinen Schlachten hervor; nun ja, aus der Letzten bekanntermaßen nicht. Aber er war kein Narr gewesen, hatte sich nie blindlings gegen einen viel zu großen Gegner geworfen. Wagemutig, ja das war er wohl, aber niemals unbedacht. Er plante sein Vorgehen, und lauerte seinem Feind auf, um im richtigen Moment zuzuschlagen. Ja, so musste man es machen…

***

Am nächsten Morgen wachte Jogur Stahlfaust auf dem Platz mit dem großen Brunnen auf und fühlte sich elend. Sein Kopf dröhnte, seine Glieder schmerzten und seine Brust brannte wie Feuer. Was war letzte Nacht geschehen? Natürlich hatte er getrunken ‒ viel getrunken ‒, aber das hatte er auch früher schon, ohne dass er sich danach so schlecht fühlte. Vage erinnerte sich noch daran, dass dieser Knarzkahn nach seiner Abreibung nochmal ankam und irgendwas von einem Schatz schwafelte; einer Schatzjagd um genau zu sein. Bei so einem Irren schien das leicht verdientes Geld zu sein. Und so folgte Jogur ihm, wie so manch anderer auch, zu dieser billigen Kaschemme, in die sich eigentlich niemand begeben würde, der auch nur einen halben Telar in der Tasche hatte. Der Rum, oder was auch immer dieses Gesöff war, floss in rauen Mengen und der Rest des Abends verschwamm im Nebel. Und der versprochene Schatz? Jannis schwafelte irgendwas von Karten und Hinweisen, die in der Stadt versteckt seien und die Opferbereitschaft, die jeder Goldsucher zu leisten hätte.

Nun gut, dachte sich Jogur, irgendwer musste den Verrückten ja dabei gesehen haben, wie er sich durch die Stadt geschlichen hat, um die Hinweise zu verstecken und Jogur war schon immer gut darin gewesen, Informationen aus den Leuten heraus zu quetschen. Das sollte leicht werden. Aber erst einmal musste er diese Schmerzen loswerden. Also schleppte er sich zum Brunnen, um seinen Kopf mit Hilfe des kühlen Wassers wieder klar zu bekommen, wobei seine Brust noch stärker schmerzte als zuvor. Er fasste sich an die Stelle und stellte überrascht fest, dass seine komplette Brust bandagiert war. Jogur zog sein Hemd aus und entfernte die Verbände. Ihm stockte der Atem: Sein kompletter Oberkörper war übersät mit feinen Schnittwunden, die in wirren Mustern über seine Brust verliefen. Dieser verdammte…! Er stutzte, als er plötzlich den Sinn hinter den Mustern erkannte. Dieser Verrückte hatte doch tatsächlich feinsäuberlich eine Karte auf seinen Körper geritzt, wobei eine Stelle deutlich mit einem Kreuz markiert war.

Ein Stöhnen neben ihm lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Auf der anderen Seite des Brunnens tauchte gerade ein Mann seinen Kopf in das Wasser; sein ansonsten unbekleideter Oberkörper war komplett bandagiert. Jogur blickte sich um: Überall lagen und hockten benommene Gestalten auf dem Platz verteilt und soweit er es erkennen konnte, hatten sie alle Verbände um die Brust gebunden. „Soll mich doch der Sekal holen! Wenn sich das für mich nicht auszahlt, werd‘ ich mir diesen Irren vorknöpfen.“, schwor sich Jogur und machte sich auf den Weg zu der markierten Stelle.

***

Später an diesem Tag stolzierte Jogur zufrieden durch die Straßen Lavadors und wiegte immer wieder das Säckchen Goldmünzen in seiner Hand. Er wusste ja von vornherein, dass er diese Schatzjagd gewinnen würde. Die Suche war überraschend vielseitig gewesen: Das Durchwühlen des großen Treibholzhaufens, der lange Marsch ans Ende der Stadt, der Abstecher ins Bordell – seine Lieblingsetappe der Suche ‒, die Tauchpartie im Hafen, der Besuch bei der Bruderschaft – eine äußerst unangenehme Erfahrung ‒, das Erklimmen der hohen Felsnadel, und die letztendliche Erkenntnis, dass auch der Ort des Schatzes schon die ganze Zeit auf der Karte auf seiner Brust verzeichnet war.

Nun stand er am Hafenbecken und schaute aufs Meer hinaus, über dem sich die Sonne langsam dem Horizont näherte. Die Bühne, auf der gestern noch die Schausteller gespielt hatten, war schon wieder abgebaut und nun tummelten sich einige Händler auf dem Platz, um ihren Ramsch feilzubieten. Auf dem Wasser sah Jogur ein Stück verkohltes Holz treiben. Ob das die Überreste Rosthaupts waren? Ein Kapitän weniger, bei dem er anheuern konnte. Er schaute auf den Beutel in seiner Hand und lächelte: „Na darüber muss ich mir in nächster Zeit sowieso keine Gedanken machen“, sagte er zu sich, drehte sich um und ging zurück in die Stadt, wo das Leben weiterhin seinen gewohnten Gang nahm.

*

 

Von Christian, DrGonzo, Irian, Jeong Jeong, Nel, timesink, asquartipapetel

 

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