Das Testament

Veröffentlicht am 16. Juni 2016 von Claudia in Lorakische Geschichten

Zehn Tage waren vergangen, nachdem die Kapitäne aufgebrochen waren zum Vhagatta-Atoll, als morgens Zalgor Bracken vor das Anschlagbrett in Lavador trat. Er hob ein Pergament ans Brett und stieß mit aller Kraft einen Dolch hindurch. Alsbald bildete sich eine Traube Menschen davor und lauter und lauter wurde das Summen ihrer Stimmen als sich das Gemurmel verbreitete  ̶  über den Platz, die Straßen, ganz Lavador…

Mein letzter Wille

Ich, Kapitän Asmodeo Therabylis, genannt Rosthaupt, gefürchtetster Pirat der südlichen Suderinseln und Hoher Protector der Stadt Lavador, erkläre im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte dies hier zu meinem letzten Willen und Testament.

Im Laufe meines Lebens habe ich eine Vielzahl wertvoller Besitztümer, wohlklingender Titel, sentimentaler Erinnerungsstücke und mystischer Wunderdinge angesammelt. So sehr ich meine Tochter Maerissa liebe, so falsch wäre es, sie einfach  zur Alleinerbin zu erklären. Nichts soll ihr ohne eigene Leistung in den Schoß fallen, für das  ICH auf meinem Lebensweg vom iorischen Tagelöhner zum gefürchteten Piratenkapitän und Stadtherrn Blut, Schweiß und Rum vergossen habe.

Stattdessen nutze ich meinen letzten Willen als Instrument des Ansporns für Freunde, Feinde, Konkurrenten und Verbündete. Setzt Segel, wetzt die Messer und spuckt dem Tod ins Gesicht. Lasst euch aus meinem Grab eines gesagt sein: Nur wer sich nimmt was Sein ist und bereit ist, den Preis dafür zu zahlen, wird den Sturm überstehen, der nun heraufzieht.

Denn wenn er sich wieder legt, wird eine neue Generation von wagemutigen Schädelkorsaren mit ihren tollkühnen Taten die Suderinseln wieder zu einem Hort unbeugsamer Freigeister, furchterregender Haudegen und todesmutiger Hasadeure gemacht haben.

Zur Vollstreckung meines Testaments:

Meine Tochter Maerissa soll nicht vollends leer ausgehen, allerdings soll ihr auch nichts geschenkt werden: Ich vererbe ihr mein Anwesen oberhalb von Lavador, das Haus, in dem sie aufgewachsen ist sowie eine Summe von 1000 Solaren.  Diese findet  sie im Lieblingsversteck ihrer Kindheit , jedoch nicht bedingungslos, sondern vielmehr als – durchaus äußerst großzügige – Entlohnung und Aufwandsentschädigung für die ordnungsgemäße und buchstabengetreue Vollstreckung meines letzten Willens. Sie möge darüber wachen, dass jedes Erbstück an den angedachten Empfänger übergeben wird, und möge richten, ob die Bedingung erfüllt ist, sofern eine solche an den Erhalt eines Erbstücks geknüpft ist. Ansonsten soll sie kein Stück aus meinem Nachlass erhalten und daher ist sie sowie ihre gesamte Mannschaft von der Teilnahme an Wettstreiten zur Erringung eines Erbstücks ausgeschlossen.

Sobald das Testament vollends vollstreckt ist, sei es ihr jedoch freigestellt, meinen Vermächtnissen nachzujagen und zu versuchen, möglichst viel davon wieder in ihren Besitz zu bringen, sofern dies ihr Wunsch ist. Also wiegt Euch nicht in falscher Sicherheit, Ihr reich Beschenkten: Was ein Therabylis gibt, kann eine andere Therabylis auch wieder nehmen.

Zudem habe ich einen Pakt mit dem mächtigen Feenherrn Vaxos geschlossen, der für die Zeit der Testamentsvollstreckung über Maerissa wacht und  sicherstellt, dass kein Lug und Trug die Vollstreckung meines letzten Willens beschädigt. Der Preis für diesen Pakt war hoch, also glaubt mir: Gebt ihm einen Grund und er wird Euch kriegen!

Mein letzter Wille soll am ersten Neumond nach meiner Trauerfeier auf der größten Insel des Vhagatta-Atolls verlesen werden. Unter den Kapitänen, die dabei anwesend sein wollen, möge eine Wettfahrt ausgerichtet werden, deren genauere Ausgestaltung meiner Tochter als Testamentsvollstreckerin obliegt. Den Anwesenden sei ein Vorsprung von zehn Tagen gewährt, um die im Testament genannten Questen und Aufgaben anzugehen, hiernach soll mein letzter Wille auch durch Abschrift und Anschlag in Lavador für alle anderen kundgetan werden.

I. Meinem getreuen Verwalter und Ratgeber Zalgor Bracken vermache ich meinen liebsten Kapitänsmantel, meine zwei treuen Säbel Hack und Schlitz, das kleine Haus am Hafen von Lavador sowie 100 Solare. Du hast mir stets treu und gut gedient, es würde mich freuen, wenn Du meiner Tochter ebenso dienst, sofern dies ihr Wunsch ist.

II. Meinem ersten Maat Mutambwe hinterlasse ich den Rest meiner Garderobe (abzüglich aller anderen im Testament erwähnten Einzelstücke), meine Sammlung abgeschnittener Ohren von Feinden sowie eine Schatulle mit Juwelen. Von Zeit zu Zeit habe ich Dir übel mitgespielt und ich denke, vor allem Deine Dickköpfigkeit hat Dich in meinem Diensten gehalten – womöglich war es jedoch auch eine Spur Treue und nur unzureichend erwiderte Freundschaft.

III. Meinem Zahlmeister Haldurin Strock hinterlasse ich ein schnelles Ruderboot und genug Geld um zwei verschwiegene Ruderer anzuwerben. Nutze es weise.

IV. Alle übrigen Mitglieder meiner Mannschaft sollen jeweils exakt 17 Lunare und 61 Stellare erhalten. Dies ist exakt der Betrag, um den sie von Zahlmeister Strock in den vergangenen Jahren betrogen wurden. Viel Erfolg bei der Jagd!

V. Jedem Bastard, den ich in irgendeinem Hafen gezeugt habe, hinterlasse ich ein Exemplar aus meiner Sammlung nuumischer Porzellanpuppen, sofern er oder sie zweifelsfrei nachweisen kann, meinen Lenden zu entstammen.

VI. Dem pashtarischen Vargenmatrosen Rashid Windheuler, der mich in der Not beherbergte und mir gar seinen letzten Krug Rum überließ, vermache ich meinen Säbel Abschiedskuss sowie eine unvollständige Sammlung eigener Anekdoten, auf dass er sie seinem kleinen Sohn Roshlyn vorlesen möge. Der Aufenthalt in Deiner kargen Behausung war unfreiwillig aber äußerst erfreulich.

VII. Um mit meinem Vermächtnis noch eine  Schuld bei meinem alten Bekannten Kolcha zu begleichen, hinterlasse ich seinem Sohn Jaakal mein untotes Gürteltier Enigma. Es wird dem jungen Mann viel Spaß bereiten, da könnt Ihr meine ganze Mannschaft fragen. Falls Ihr also schon immer mal wissen wolltet wie Mutambwe seinen kleinen Finger eingebüßt hat …

VIII. Dem Kaiser von Selenia hinterlasse ich einen Nachttopf aus Mondstahl. Denn heißt es nicht: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!

VIIIa. Demjenigen, der dieses Erbstück dem Kaiser mit den obigen Worten überbringt, hinterlasse ich den legendären Zulya-Folianten.

IX. Dem König von Patalis vermache ich meine Sammlung von 17 Flaggen aufgebrachter und versenkter patalischer Schiffe. Er möge entschuldigen, dass meine Sammlung seit einem Brand vor wenigen Jahren unvollständig ist.

IXa. Derjenige, der dem patalischen König besagte Flaggen nebst der Entschuldigung aushändigt, möge die mystische Schale von Xitaq erhalten.

X. Dem Shahir von Pashtar hinterlasse ich meinen Ohrring mit den sieben goldenen Pfauenfedern. Ehre, wem Ehre gebührt!

Xa. Ihr kennt es bereits: Wer dem Shahir den Ohrring überbringt, natürlich nicht ohne die begleitenden Worte, erhält die magische Flöte von Alvadin.

XI. Die mertalische Mediatorin Divna Banat soll ihr Tagebuch mit persönlichen Aufzeichnungen und das Amulett erhalten, dass ich ihr vor Jahren nach einer wilden Liebesnacht gestohlen habe, sofern sie persönlich in Lavador vorstellig wird und eine Blume auf mein Grab legt.

XII. Derjenige, der die Wettfahrt zur Testamentseröffnung auf Vhagatta gewinnt, soll meinen kaputten Kompass erhalten – er hat mir immer Glück gebracht. Der Zweitplatzierte möge das Fernrohr mit der gesprungenen Linse erhalten, der Dritte erhält meinen sprechenden Papagei Mistkrähe – möge er es als Fluch oder Segen empfinden. Alle übrigen, die auf Vhagatta eintreffen, dürfen sich in der Reihenfolge ihres Eintreffens ein Exemplar aus meiner Sammlung ausgestopfter Mottenmakis aussuchen.

XIII. Die übrigen ausgestopften Mottenmakis gehen an die Tavernen, Krämerläden, Gasthäuser und anderen Betriebe der Stadt Lavador: Ein jeder, der eine Plakette mit der Aufschrift „In Memoriam Rosthaupt“ anbringt, darf einen Maki in seinem Laden aufstellen.

XIV. Einen Wechsel der Portalgilde über 15 Solare soll derjenige erhalten, der mein altes Flottenkampf-Spielbrett wieder beschafft und es meinem Lieblingsgegner, dem alten Pitu im Hafen von Navir überreicht. Ich habe dieses vermaledeite Spielbrett nach einem unglücklich verlaufenen Spiel von der Veranda meines Anwesens in den Dschungel geschleudert. Achtung vor den Schlangen!

XV. Eine gute Flasche siprangischen Muschelschnaps erhält derjenige, der sich unter allen Interessierten bei einem öffentlichen Wetttrinken mit nicht ganz so gutem navirischen Zuckerrohrschnaps als Trinkfestester erweist.

XVI. Meinen Gemüsegarten vermache ich demjenigen, der meine vergoldete Gartenharke findet, die aus ähnlichen Gründen an einem ähnlichen Ort wie mein Flottenkampf-Spielbrett zu finden sein muss. Die Gartenarbeit war mir stets ein schöner Ausgleich zur Mordbrennerei, möge es Dir ähnlich ergehen – aber versuche nie das Druselkraut komplett zu entfernen, sonst brauchst auch Du eine neue Harke.

XVII. Wer den patalischen Kapitän Garus Milenus vom Leben zum Tode befördert, soll einen ominösen Brief adressiert an meinen alten Freund Publius Januvis erhalten, der mir zufällig in die Hände fiel und der sich sicherlich in der einen oder anderen Situation als nützlich erweisen wird. Mein Tod schützt Dich nicht vor meiner Rache, Garus. Harr harr harr ….

XVIII. Ich mochte Wettfahrten ja schon immer, also möge man eine Regatta ausrichten: Wer die Umrundung der Suderinseln am schnellsten schafft, erhält die Koordinaten einer geheimen Insel mit Anlegestelle, Quelle und einer geschützten Höhle. Wenn die Insel tatsächlich so geheim geblieben ist, wie ich hoffe, mögen in der Höhle sogar noch etwas Gold und ein paar Juwelen zu finden sein.

XIX. Mein Baumhaus auf der Klaxan-Anhöhe auf Fenos soll der Kapitän erhalten, dessen Mannschaft es eine ganze Nacht in jenem Baumhaus aushält.

XX. Derjenige, der meine Spielschulden bei Elkan Gradonios begleicht, erhält einen Spielstein der Spielhalle „Goldener Würfel“ in Gondalis, der so manche Tür zu öffnen vermag.

XXI. Das geschmackvolle Gemälde von mir als Drachling soll derjenige erhalten, der es an einem Ort ausstellt, wo es stets jeder sehen kann.

XXII. Meine Mitgliedschaft in der Bruderschaft des unvollkommenen Blutmondes soll an denjenigen übergehen, der als erster drei Balladen über meine Heldentaten in den „Drei Münzen“ vorträgt.

XXIII. Den ersten Teil der Karte zu Stahlbarts Schatz, den ich immer noch einmal heben wollte, soll derjenige erhalten, der als erster ein neues Eiland in der ewigen See entdeckt und die Koordinaten in Lavador verkündet. Ich denke es ist Zeit, dass Lavador seine erste Kolonie erhält.

XXIV. Den zweiten Teil der Karte soll derjenige erhalten, der mit seiner Mannschaft eine Woche bei den Mahaluu verbringt und dafür sorgt, dass die gesamte Mannschaft in dieser Zeit keusch und nüchtern bleibt! Ja, das ist Führungsqualität!

XXV. Meine Bananen-Plantage im Hinterland von Fenos soll der Kapitän erhalten, der mein Sitzkissen aus der Ratsstube des Kapitänsrats stibitzt. Und wehe der alte Schwarzzahn hat sich das mittlerweile unter den Nagel gerissen, dann könnte die Wiederbeschaffung etwas schwieriger werden … aber es ist auch eine verflucht schöne Bananen-Plantage.

Ultimo Die Herrschaft über meine Stadt Lavador soll schlicht an denjenigen gehen, der die Bürger von seinen Qualitäten überzeugen kann. Meinen Segen hätte dabei ein jeder, der Frieden mit den Anuu hält und diesem Schlangennest von einem Piratenhafen in bester Tradition seines Vorgängers ein weiser und gerechter Herrscher ist.

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von Drakon

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