Aus den Chroniken von Lorakis: Harrebuck – Teil 1

Werter Freund!

Wie freut es mich, nach so langer Zeit endlich wieder von dir zu lesen. Viel zu zahlreich waren die Sonnenläufe, in denen wir uns aus den Augen verloren haben. Nun schreibe ich dir also frohen Mutes zurück – in der Hoffnung, der Brief findet seinen langen Weg nach Süden genauso sicher wie deine freundliche Botschaft zu mir.

Einiges hat sich getan seit unserem letzten Wiedersehen. Als Patriarch meiner Familie reise ich schon länger nur noch selten selbst als Begleitung unserer Handelskarawanen. Die Knie und Füße machen nicht mehr mit, was sie in früherer Jugend aushalten mussten – daher hat nun mein ältester Sohn Joro meinen Platz als Wegbereiter neuer Handelsverträge in fernen Landen eingenommen. Er ist rastlos, wie ich es einst war, aber ein treuer Geselle und guter Stammhalter. Und während ich mich also auf meinen Kränzen ausruhe, wie man es hier so schön sagt, kann ich über meine vergangenen Tage nachgrübeln und das verdiente Geld zählen.

Mein zweiter Sohn, Willo, ist ebenfalls ins Familiengeschäft eingestiegen und lebt nun auf der anderen Seite des Mondpfades in Takasadu. Hin und wieder nehme ich die Reise durch das Tor auf mich und besuche ihn – auch um nicht gänzlich zu verwurzeln. Aber auch wenn die Leute immer sagen, es wäre doch nur ein Rattlingssprung zum anderen Ende der Welt – die Wege durch die fremden Sphären sind immer beschwerlich – wenn auch sicherlich kein Vergleich mit einer Route durch die Wandernden Wälder und die fernen östlichen Hochgebirge.

So sitze ich also hier und verwalte. Das hättest du auch nicht gedacht, mein alter Freund, dass wir beide einmal ruhiger werden und häuslich? Egal, ob ich mich darüber freue – meiner Frau Irwyn hat es fast Tränen in die Augen getrieben, als ich von der letzten großen Reise zurückkam und mitteilte, dass ich es jetzt gemächlicher angehen will. Nun verdonnert sie mich zur Gartenarbeit und Beaufsichtigung des faulen Hauspersonals. Zumindest sie hält mich also auf Trab.

In Sarnburg selbst hat sich wenig geändert. Die Winter sind weiter mild, die Sommer warm, im Frühling schwingt das ganze Land im Tanz des Erwachens, im Herbst übertrumpfen sich die Bäume mit der Farbenpracht des fallenden Laubes. Die Mauern, Häuser, Brücken, Türme stehen wie eh und je und auf dem Agitushügel thront der Sitz des Kaisers, die eigentliche Sarnfestung, wie ein von der Zeit unantastbarer Koloss. Du solltest mich einmal besuchen kommen, wir könnten den Hügel an den Häusern der Patrizierfamilien entlangflanieren, durch die großen Dreybeeren-Alleen, in die herrschaftlichen Gärten schauen und schließlich in der Festung den Platz des Mondes betreten – der einzige öffentliche Bereich des riesenhaften Bauwerks. Wie du ja weißt, ist die Sarnfeste ein ehemaliger Bau der Drachlinge – die Herrscher dieses Landes in der Frühzeit der Geschichte. Trotzdem wirken die mächtigen Mauern und Tore, als wären sie gerade eben errichtet worden. Es ist eines der wenigen Überbleibsel dieser uralten, geheimnisvollen Kultur, das nicht nur unversehrt ist, sondern auch frei von uns bewohnbar gemacht wurde. Prachtvoll hauptsächlich in seinen gigantischen Ausmaßen, was die äußere Schmucklosigkeit fast noch unterstreicht. Ein Berg auf einem Berg. Kein Wunder, dass das Kaiserhaus hier seinen Sitz gefunden hat – es wäre nicht denkbar, dass irgendwer sonst diesen monströsen Komplex in seiner labyrinthischen Größe bewohnen könnte als der Höchste der Höhen. Dieses Monument mit seinen Sälen, Höfen, riesigen Hallen, Gemächern und den nicht zählbaren Legenden um dort beheimatete Geheimnisse.

Derzeit könntest du überall die drei runden Male sehen – die Monde, in allen Konstellationen und Größen auf Bannern und mit bunter Farbe an die Wände gemalt: Sarnburg bereitet sich auf das Mondfest vor, das im nächsten Monat stattfinden wird. Eine große Feierlichkeit, von der ich dann sicherlich Interessantes berichten kann. Eine Prozession wird es geben, bunte Farben werden das Sonnen- und Mondlicht spiegeln, der Duft von Mori-Kringeln in der Luft liegen, die Stadt im Rausch des Festes schwingen. Tanz, Weib, Gesang, Beerenbier in Strömen. Die Innere Mauer – Bollwerk der alten Festungsanlage, die die Innenstadt Sarnburgs umschließt – wird in allen Farben glänzen. Und zur Mondstunde werden die Hohen Lichter gen Himmel fliegen wie kleine Funkenbolde – ein unendlicher Schwarm zur Lobpreisung des Kaisers, des Mondgottes und des Schutzpatrons Sarnburgs.

Bis dahin fließt noch einiges Wasser die Hallunde hinab, wie man so schön sagt. Die Färber aus dem Färberviertel werden Tag und Nacht zu tun haben. Karawanen aus Takasadu werden neue Waren und begeisterte Zuschauer aus dem fernen Land ins Geisterviertel bringen – in die kleine Enklave dieser weit entfernten Welt, mit der wir durch den Mondpfad so eng verknüpft sind. Die Mauern der Torburg, in der der Eingang zum Pfad ruht, werden aus allen Nähten quellen – wie ein zu dicker Troll, der sich ein Rattlingswams angezogen hat. Voll wird es werden. Aber voll ist es immer in Sarnburg. Voll und quirlig, wie es meine gute Irwyn so gerne sagt. So gesehen besteht also keine Gefahr, dass ich aus lauter Ruhe um mich herum einschlafe und nie wieder zu mir komme – gehe ich nicht in die Welt, so wird sie eben zu mir getragen und umgarnt mich, damit ich nicht vergesse, jeden Morgen aufzuwachen.
Ich werde dir demnächst etwas über die Feier schreiben, mehr über die großen Feste und vielleicht sehe ich sogar die Kaiserfamilie bei einem der Empfänge. Mindestens aber bei der großen Prozession. Über das Geisterviertel werde ich berichten – ach, und einiges gibt es auch aus dem Norden zu künden, von den Querelen der ferneren Provinzen und dem Wächterbund. Auch so gehen mir die Themen zum Plaudern nicht aus. Doch ehe ich ins Plappern gerate: Bleibe gesund, gehab dich Wohl, bis demnächst und auf ein baldiges Wiedersehen.

So wünsche ich es dir und mir
– Carus Javir Harrebuck

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